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Matthias Burchardt warnt vor der Ökonomisierung des Bildungssystems

Veröffentlicht: Mittwoch, 20. November 2013

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Der Kölner Humanwissenschaftler Matthias Burchardt warnt vor der Ökonomisierung des Bildungssystems

Matthias Burchardt von der Uni Köln referierte kürzlich zum Thema „Bildungsreform als Humanexperiment – Auf der Strecke bleibt dabei der Mensch und seine Bildung“.

Hier eine Zusammenfassung des Vortrages.

Burchardt ist nicht nur Humanwissenschaftler und Bildungsphilosoph. Er ist auch mehrfacher Vater. Damit kennt er die verschiedenen Bildungsstufen Kindergarten, Grundschule und weiterführende Schule bestens, wahrscheinlich wesentlich besser als die meisten Eltern. Dass bereits im Kindergarten Englisch vermittelt wird, dass an Grundschulen Zeitmanagement längst ein immer wichtiger werdender Bestandteil des Unterrichts geworden ist, sind für ihn bedenkliche Auswüchse, deren negative Auswirkungen die Vorteile, sofern es diese überhaupt gibt, überlagern. Bei dem Begriff Bildungsreform kann der Akademische Rat der Universität Köln nur lachen. „Bei einer Bildungsreform bleibt die Bildung meist auf der Strecke“, ist er überzeugt.

Am Mittwochabend referierte er auf Einladung des DGB und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) genau zu dieser Aussage. Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Volkshochschulen seien in den vergangenen Jahren Opfer einer regelrechten Reformwut geworden. Wer den Sinn der Reformen kritisch hinterfrage, werde diffamiert und als rückständig dargestellt, kritisierte Burchardt. Nahezu alle Maßnahmen verfehlen seiner Meinung nach nicht nur die versprochene Wirkung. „Sie verschärfen die Probleme nur zusätzlich“, bekräftigte Burchardt und verwies auf Depressionen und Burnout bei Schülern und Lehrern gleichermaßen. Was Burchardt geradezu entsetzt: Die Bildung werde mehr und mehr ökonomisiert. Kommerzielle Nachhilfebüros seien nur ein Beispiel dafür, dass Unternehmen direkt in Schulen agieren, ein anderes. „Längst sind Schulen

gezwungen, wie Unternehmen zu handeln.“ Dass das Klassenzimmer in manchen Schulen „Input-Raum“ und die Hausaufgaben als „Lernjob“ bezeichnet werden, gehöre noch zu den harmlosesten Auswüchsen.

„Demokratie bedeutete einmal, dass alle Macht vom Volk ausgeht“, erinnerte Burchardt. Bei der Bildung spiele dieser Demokratiegedanke nur noch eine untergeordnete Rolle, diene höchstens als Kulisse. „Die wahre Macht liegt in ökonomischen Zirkeln“, unterstrich Burchardt und nannte als ein Beispiel den Bertelsmann-Konzern. Wer Bertelsmann nur mit Ramschbüchern und Buchclubs gleichsetze, irre gewaltig. „Bertelsmann hat massive Einflüsse beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, beim Privatfernsehen und beim Nachrichtenmagazin Spiegel.“ Dadurch könne der Konzern auch gravierenden Einfluss auf die Bildung der Bürger nehmen.

Problemlos könne der Konzern Studien lancieren, deren Inhalte und Erkenntnisse in den Augen Burchardts mehr als fragwürdig sind. „Das ist Junk-Science. So wie Hamburger Junkfood darstellt.“ Ziel sei, mit dem „homo öconomicus“ ein neues Menschenbild zu schaffen, was beispielsweise schon der frühere CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm kritisiert habe. Für Burchardt ist es wichtig, dass nicht alles, was unter dem Begriff Bildung und Bildungsreform umgesetzt werden soll, kritiklos hingenommen, sondern zumindest offen hinterfragt wird.